»Es ist zwei Uhr morgens. Katharina B. liegt in ihrem Bett hellwach seit Stunden schon und starrt an die Decke. Wieder eine Nacht ohne Schlaf!, denkt sie. Das Geräusch von unsicheren Schritten und vom fahrigen Herumhantieren mit irgendwelchen Gegenständen dringt überlaut bis in ihr Zimmer. Sie presst beide Hände auf ihre Ohren und möchte am liebsten rufen: Ich kann nicht mehr! Aber sie tut es nicht. Sie wird nichts sagen. Sie darf nichts sagen. Auch wenn sie manchmal das Gefühl hat, zu ersticken. Sie zählt die schlaflosen Nächte schon lange nicht mehr, in denen ihr Vater ruhelos durch die Wohnung irrt und Dinge von einem Ort an den anderen räumt.« Sind Sie mit dieser Situation vertraut?
Dann werden Ihnen die folgenden Erläuterungen, die alles Wesentliche zum Thema Demenz beinhalten, nützlich sein.
Die Definition der Krankheit und ihre Symptome, Tipps für pflegende Angehörige sowie herausragende Projekte und Einrichtungen, die sich österreichweit mit dem Thema befassen, Aufklärungsarbeit leisten und Hilfestellung für den Einzelnen geben.
Vergesslichkeit oder Demenz? Menschen vergessen, verwechseln, irren. Mit zunehmendem Alter nimmt dies zu. Nicht jede Vergesslichkeit ist jedoch Warnzeichen für eine beginnende Demenz. Vergesslichkeit kann auch durch Stress, Überforderung oder familiäre bzw. berufliche Probleme entstehen. Demenz hingegen ist eine fortschreitende Erkrankung des Gehirns. Es ist die Zerstörung von Nervenzellen im Gehirn, die für das Gedächtnis und das Denkvermögen und vor allem für Lernvorgänge wichtig sind.
Je fortgeschrittener die Krankheit ist, desto sichtbarer werden die Symptome wie Gedächtnisverlust oder mangelndes Urteilsvermögen auch für Angehörige. Die Betroffenen leiden meist schon Jahre unter der Krankheit, ehe die ersten Symptome erkannt werden. Denn zu Beginn der Erkrankung kann die Gedächtnisstörung mit Strategien aus dem Langzeitgedächtnis kompensiert werden. Die Fassade des geistig fitten, selbständigen und leistungsfähigen Menschen bleibt daher zunächst noch erhalten.
Symptome Demenz ist jedoch mehr als eine Gedächtnisstörung. Sie zieht das gesamte Wesen des Betroffenen in Mitleidenschaft. Der Verlust des Gedächtnisses bedeutet auch, dass diese Menschen nichts mehr lernen können, die Speicher können nichts Neues mehr aufnehmen, die Inhalte des bereits vorhandenen Informationsspeichers gehen verloren, und zwar die zuletzt aufgenommenen Informationen zuerst. Der Kranke kann sich zuerst nicht mehr erinnern, was gestern war, dann was vor einer Woche war und was vor einem Jahr gewesen ist. Er vergisst sozusagen rückwärts. Er geht zurück in seiner Erinnerung bis in seine frühe Kindheit. Allerdings ist dies kein gleichförmiger Prozess. Die Kranken können auch in ihrer Erinnerung und damit der erinnerten Umwelt zeitlich springen.
Aber es geht noch mehr verloren als nur reine Information. Auch geistige Fähigkeiten, die erlernt wurden z.B. sich zu beherrschen, wenn man wütend ist verschwinden. Das liegt unter anderem daran, dass »vergessen« wird, wie Affekte, Äußerungen von Gemütsbewegungen, wie Angst Wut oder Begehren im Zaum gehalten werden. Deshalb kommt es vor, dass an Demenz erkrankte Personen aggressiv werden oder sogar um sich schlagen.
Die Altersdemenz ist eine Krankheit, die zum Verlust von geistigen und körperlichen Fähigkeiten führt, sodass die betroffenen Personen in fortgeschrittenen Stadien kein eigenständiges Leben mehr führen können.
Möglichkeit von Gedächtnistraining Selbst Demenzpatienten, die sich nicht mehr verbal ausdrücken können, sind oft noch in der Lage, Lieder mitzusingen oder angefangene bekannte Sprüche zu beenden. Ziel ist es, das Sprachvermögen zu stärken, Erinnerungen aus dem Altgedächtnis abzurufen, Wortfindungen zu stärken und somit das Selbstwertgefühl zu heben.
Besonders gut eignet sich das Spiel »Stadt, Land, Fluss« mit individuellen Begriffen für den Betroffenen (z. B. Berufe, Pflanzen, Namen etc. von AZ). Diese Form des Gedächtnistrainings kann auch in einem fortgeschrittenen Stadium angewandt werden, weil dadurch auch Erinnerungen aus dem Altgedächtnis abgerufen werden und Sie als pflegender Angehöriger bzw. der Betreuer als gleichwertige Partner erscheinen.
Passende Betreuung Jeder Patient benötigt eine individuelle Betreuung. Je mehr Möglichkeiten und Wissen den Betreuern zur Verfügung stehen, desto besser kann man auf den Einzelnen eingehen. Gemeinsame Fallbesprechungen im Team und mit anderen beteiligten Berufsgruppen und Angehörigen sind die Voraussetzung, dass die Betreuung zu Hause funktionieren kann. Mit diesen Rahmenbedienungen zeigt die praktische Erfahrung, dass es möglich ist, Demenzkranke sehr lange in ihrer Wohnung zu betreuen.
Durch die hohe Lebenserwartung ist in den nächsten Jahren auch mit einer hohen Anzahl von Demenzkranken zu rechnen, die nicht mehr in stationären Einrichtungen untergebracht werden können. Sie sind in Kaufhäusern, Banken und öffentlichen Institutionen anzutreffen. Angestellte dieser Bereiche sind mit dem Umgang mit Demenzkranken überfordert, was verstärkt zu Konfliktsituationen führen kann.
Ein Wunsch von mir wäre eine verstärkte Auseinandersetzung mit dem Thema Demenz und der Umgang in der Gesellschaft mit Erkrankten.
DGKS Ingeborg Holzer
Demenzbeauftragte der
Volkshilfe, Einsatzleiterin
Judenburg
PFLEGETIPPS
Was kann ich als Angehöriger tun?
Beraten Sie mit dem Betroffenen möglichst frühzeitig, wie die Betreuung konkret organisiert werden kann.
Schauen Sie auf Ihre eigene Gesundheit und holen Sie sich Unterstützung.
Fragen Sie, ob ein anderes Familienmitglied, ein nahestehender Freund oder Nachbar die Betreuung regelmäßig für eine bestimmte Zeit übernehmen kann.
Nehmen Sie Unmutsäußerungen des Betroffenen nicht persönlich! An Demenz erkrankte Menschen sind nicht trotzig oder böswillig. Sie verlieren einfach teilweise die Kontrolle über ihr Denken und Handeln.
Achten Sie auf nonverbale Zeichen und sprechen Sie mit dem Kranken langsam und in einfachen, kurzen Sätzen.
Nehmen Sie dem Betroffenen nicht sofort alle Arbeiten ab, auch wenn es manchmal etwas länger dauert.
Stärken Sie das Selbstwertgefühl des Betroffenen durch Lob und Wertschätzung.
Unterstützen Sie die Orientierung des Kranken mittels geregeltem Tagesablauf und stellen Sie Orientierungshilfen wie Kalender, Uhr, etc. sichtbar bereit.
Beschriften Sie Gegenstände das kann dem Gedächtnis Ihres erkrankten Angehörigen helfen, sich zu erinnern.
Akzeptieren Sie, dass der Betroffene in seiner eigenen Wirklichkeit lebt.
Helfen Sie dem Kranken, seine Würde zu bewahren! Bedenken Sie, dass die Person, für die Sie sorgen, ein Mensch ist, der noch Gefühle hat. Was Sie und andere Leute sagen oder tun, kann er nach wie vor fühlen, und manches könnte ihn verunsichern. Vermeiden Sie es deshalb, in seiner Gegenwart über ihn oder seinen Zustand zu sprechen.