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Zu Hause Pflegen

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Sucht kennt keine Altersgrenze

Sucht im Alter wird als Thema in der Öffentlichkeit und in den Medien noch immer häufig ausgeklammert und schamhaft verschwiegen – auch von Angehörigen.
Dabei führen Alkohol, Tabak und psychisch wirksame Medikamente auch im höheren und hohen Lebensalter häufig zu Missbrauch und Abhängigkeit und schweren gesundheitlichen Schäden.
Unsere Gesellschaft verharmlost dieses Problem damit: »In dem hohen Alter spielt das doch keine Rolle mehr, lassen wir ihn/sie doch!«. Diese Haltung hält auch die Angehörigen ab, frühzeitige Maßnahmen zu ergreifen und Hilfe zu suchen.
Aktuelle Untersuchungen bestätigen, dass etwa 0,5–3 Prozent der über 65-Jährigen eine Alkoholproblematik im Sinne einer Alkoholabhängigkeit aufweisen. Bei weiteren 5–20 Prozent in der Altersgruppe über 65 Jahren liegt schädlicher Gebrauch von Alkohol vor.
Darüber hinaus weisen 5–10 Prozent der über 60-Jährigen einen problematischen Gebrauch psychoaktiver Medikamente bzw. von Schmerzmitteln auf (Projekt »Sucht und Alter«, Uniklinik Salzburg).
Sucht ist dadurch definiert, dass man ohne das Mittel nicht leben kann, beim Absetzen Entzugserscheinungen wie Zittern und Verwirrung auftreten und eine Dosissteigerung zur gleichen Wirkungserzielung wie Beruhigung, Wohlfühlen und Angstverminderung notwendig wird.

Risikofaktoren
Die Risikofaktoren, die zu einer Abhängigkeit von verschiedensten Substanzen führen können, sind vielfältig:
  • Neue Lebenssituationen durch Pensionierung oder Wohnungswechsel (Heimeintritt)
  • Alterungserscheinungen: körperlicher und geistiger Leistungsabbau, Schlafstörungen
  • Chronische Schmerzzustände
  • Sinnkrisen durchs Altwerden: Nutzlosigkeit, Selbstzweifel, sozialer Rückzug
  • Verluste, die zu Einsamkeit, Angst, Depression führen
  • Fehlendes Problembewusstsein bei Alkoholkonsum, Tabletteneinnahme
    Die Auseinandersetzung mit der Suche nach Sinn, die oft hinter der Sucht steckt, wird im Alter oft durch Ängste vorm Ansprechen der Sinnverluste vermieden, durch wegblickendes Umfeld auch der Ärzte durch Medikamentenverschreibung nur zugedeckt und nicht gefördert.
    Die körperlichen Veränderungen im Alter bewirken eine Steigerung des Abhängigkeitsrisikos:
  • Wechselwirkungen mit bereits verordneten Medikamenten
  • Verlangsamter Stoffwechsel: schlechterer Abbau und längere Wirkungsdauer
  • Änderung von Aufnahme, Verteilung und Ausscheidung von Alkohol im Organismus
  • relative Abnahme des Körperwassers: Alkohol als wasserlösliche Substanz erzeugt bereits in kleineren Mengen machen entsprechend höheren Blutalkoholspiegel!
  • Erhöhte Empfindlichkeit des Gehirns gegenüber Alkohol: Daher selbst bei sinkenden Trinkmengen eine erhöhte Schädigung des zentralen Nervensystems
    Die gleiche Menge an Tabletten bzw. Alkohol führt also beim älteren Menschen zu einer deutlich höheren Blut(alkohol)konzentration als beim jüngeren Menschen.

    Medikamenten­missbrauch
    Vielen älteren Menschen und deren Angehörigen ist gar nicht bewusst, dass sie sich durch die Einnahme von Schlaf- und Beruhigungsmitteln – selbst in niedriger Dosis – in eine Abhängigkeit begeben, die zu vielen negativen Folgeerscheinungen führen kann.
    Einige Tatsachen: 2/3 aller Psychopharmaka werden an Personen über 60 Jahre verschrieben (vor allem an Frauen!) und 70–80% der verschriebenen Psychopharmaka sind Benzodiazepine: Beruhigungsmittel, die allerdings von vielen als harmlos empfunden werden, und antidepressiven Medikamenten, die nicht abhängig machen, vorgezogen werden.
    Schlafstörungen und psychische Begleiterscheinungen körperlicher Erkrankungen stehen als Verschreibungsgrund im Vordergrund, 20–25% der Alters- und Pflegeheimbewohner erhalten Beruhigungs- und Schlafmittel – auch zur Sedierung Störender!

    Alkoholabhängigkeit
    In der Literatur wird zwischen zwei Gruppen von älteren Alkoholabhängigen unterschieden:
  • Bei etwa zwei Drittel liegt der Beginn des Alkoholmissbrauchs bereits im frühen oder mittleren Erwachsenenalter (early onset), Menschen, die den langjährigen Alkoholkonsum trotz der Gesundheitsrisiken bis ins Alter überlebt haben.
  • Bei etwa einem Drittel von alkoholabhängigen Personen liegt der Beginn des Missbrauchs jenseits des 65. Lebensjahrs (late onset).

    Sucht erkennen
    Körperliche Anzeichen:
  • eine »Fahne«
  • Magenschmerzen,, Verdauungsprobleme, Kribbeln in Armen und Beinen
  • Ernährungsmangel und weniger Krankheitswiderstand
  • Gangunsicherheit, Stürze
  • Krampfanfälle

    Psychische Zeichen:
  • Depressivität
  • Verwirrtheit
  • Aggressivität, Gereiztheit, Wahnentwicklung (Eifersucht, Trugbilder)
  • Rücksichtslosigkeit, Enthemmung
  • Vergesslichkeit

    Soziale Auswirkungen:
  • Verwahrlosung, Verschuldung,
  • Vereinsamung, Randalieren
  • Belastung der Angehörigen, Konflikte mit Nachbarn

    Durch die zunehmende Isolierung im Alter fehlen oft Bekannte und Verwandte, die auf die Gefahr aufmerksam werden, die Initiative ergreifen und Hilfestellung anbieten. Ebenso kann es pflegenden Angehörigen passieren, dass sie selbst durch Überforderung und Isolation durch die Pflege in den Teufelskreis des Suchverhaltens geraten.
    Betroffene selbst ziehen sich oft aus Scham über die eigene Abhängigkeit zurück und nehmen so keine Hilfsangebote in Anspruch.
    Ärztliche professionelle Helfer übersehen Alkoholmissbrauch und Abhängigkeit bei ihren Untersuchungen und sind oft leichtfertig im Umgang mit der Verschreibung von beruhigenden, jedoch abhängig machenden Medikamenten.

    Wie kann man eingreifen?
    Wichtig ist es nicht wegzuschauen, die Betroffenen auf den Suchtverdacht anzusprechen und professionelle Hilfe hinzuzuziehen. Praktische Ärzte sind meistens erste Ansprechpartner, auch für Angehörige.
    1. Wissensvermittlung dient der Vorbeugung bei Betroffenen und Angehörigen
    2. Untersuchung und Intervention in Arztpraxen, Spitälern, durch mobile Dienste und Beratungsstellen hilft beim frühzeitigen Erkennen und Gegensteuern
    3. Für betroffene Suchterkrankte ambulante oder stationäre Behandlung anregen
    Vorurteile, dass sich Beratung und Behandlung bei Älteren nicht mehr lohnen, verhindern Entlastung und Verbesserung der Lebensqualität auf allen Ebenen für Betroffene und Angehörige. Ältere profitieren mindestens ebenso von Beratung und Behandlung wie Jüngere.
    Vollabstinenz ist im Grundsatz anzustreben, wird aber nur in 40–60 % der Fälle erreicht.
    Rückfallreduktion versucht eine Reduktion der Frequenz und/oder des Schweregrades der Rückfälle zu erreichen. Durch Verhaltensänderungen wie Verminderung der Alkoholkonsums oder Dosis-Reduktion der Medikamente zeigen sich oft sehr schnell Erfolge, wie z. B. eine Verbesserung der Gedächtnisleistungen oder ein besserer körperlicher Zustand, was wiederum die Pflege erleichtert.
    Die Optimierung der psychosozialen Anpassung strebt an, die Situation der Alkoholkranken graduell oder zeitweise zu verbessern, um insbesondere die Ausbildung von Sekundärschäden zu vermeiden und die Angehörigen zu entlasten. Beratungsgespräche, die die speziellen Alternsprobleme mit einbeziehen oder eine Psychotherapie führen meist ganz unmittelbar zu einer spürbaren psychischen Entlastung und für alle zu mehr Lebensfreude.



    KONTAKT
    Dr. Brigitte Fuchs-Nieder
    Geronto Psychiatrisches Zentrum Graz –
    Beratungsstelle für seelische Gesundheit im Alter
    Plüddemanngasse 33, 8010 Graz
    Tel.: 0316/89 0035
    E-Mail: gpz@gfsg.at

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